Samstag, 10. August 2024
Erinnerung an eine deutsche Mediziningenieurin und Erfinderin
Vielleicht, weil es zuvor in Deutschland nicht üblich war, herausragende Leistungen von Frauen zu würdigen, hat sich das Deutsche Patent- und Markenamt mit seiner Kampagne „Patente Frauen“ auf die Fahne geschrieben, die Leistungen von Frauen auf dem Gebiet der technischen Erfindungen einer Öffentlichkeit näher zu bringen.
Vermutlich sollen anhand der Beispiele von Erfinderinnen, die auf der Website des Patentamtes gezeigt sind, junge Mädchen inspiriert werden, technische Berufe für ihre zukünftige Karriere in Betracht zu ziehen. Die Website des DPMA ist allerdings was den Umfang der Biographien angeht, seit mehr als 3 Jahren unverändert geblieben. Lediglich das Intro mit den Links zu "https://www.dpma.de/dpma/veroeffentlichungen/patentefrauen/index.html" und "Gemeinsame Erklärung/Joint Statement" sowie die Einlassung zum Weltfrauentag 2024 sind neu dazu gekommen.
Auch wenn die derzeitige und die frühere Präsidentin des Deutschen Patent- und Markenamtes es damit sicher gut gemeint hatten und ein positiver Effekt bei jungen Frauen bei der Berufswahl dadurch einsetzen mag, erscheint mir das bisherige Bemühen um eine Darstellung weiblichen Erfinder:innengeistes hier mehr als halbherzig. Dagegen machte man mit der Erfindergalerie von (1984) im Stile einer Hall of Fame der deutschen Erfinder [ohne :innen] mit großformatigen Portraits derselben mehr als deutlich, dass patente Frauen dort nicht ausgestellt werden.
Und wenn es sich bei der Erfindergalerie nur um die Inneneinrichtung der Galerie im Obergeschoss des Foyers im Patentamtsgebäude in München handelt, scheint man mit der Online-Offensive „Patente Frauen“ gar nicht auf die Idee gekommen zu sein, auch hier, sozusagen außer virtuell, Parität einziehen zu lassen.
Nicht ganz ersichtlich ist zudem, welche Kriterien an die Auswahl der Erfinderinnen bei der Online-Offensive „Patente Frauen“ gelegt wurden und ob die dort aufgeführten nun die Einzigen sind, über deren fortschrittliches Denken sich Besuchende freuen dürfen.

Beispiele für erfolgreiche Erfinderinnen gibt es zur Genüge und wenn sich das Deutsche Patent- und Markenamt auf seine Recherchemöglichkeiten besinnen würde, kämen noch viel mehr Beispiel von patenten Erfinderinnen zutage. Eine solche sehr frühe Erfinderin war auch Margarethe Caroline Eichler.
„Wer war denn das?“ werden nun viele denken. Und es stimmt. Margarethe Caroline Eichler hätte wirklich mehr Aufmerksamkeit in der deutschen Öffentlichkeit verdient. Dass sie in der Hall of Fame der Erfinderinnen fehlt, ist für mich ein Versäumnis, das mir überhaupt nur zu rechtfertigen wäre, wenn man die Würdigungen des DPMA auf gesamtdeutsche Erfinderinnen beschränken würde. Das aber halte ich für verkürzt, hat Caroline Eichler doch etwas erfunden, dass insbesondere Männern half, die in Europa durch die Kriege der aristokratischen Herrscherhäuser verstümmelt, invalide und hilflos, meist sich selbst oder karitativen Einrichtungen überlassen wurden. Der Dank der adligen Verursacher dieses Leids – in Preußen und Deutschland allen voran das Hause Hohenzollern – hätte allerdings etwas größer sein dürfen, als die Erteilung eines einfachen Patents für ihre Erfindung.
Sie wurde 1808 geboren und hat nach Ausbildungen als Näherin und Tätigkeit als Krankenpflegerin die Bein-Prothese so wesentlich weiterentwickelt, dass Prothesen-Tragende damit ohne Krücken oder Stock gehen konnten.
Eichler konstruierte 1832 eine Beinprothese mit Kniegelenk, für die sie am 23. November 1833 als erste Frau überhaupt in Preußen ein Patent erhielt. Weitere Patente erhielt sie für das Russische Reich und, am 13. Januar 1835, für das Königreich Bayern.

In der damaligen Welt der Orthopäden rief ihre Erfindung Begeisterung hervor. Johann Friedrich Dieffenbach, Leiter der Chirurgie an der Berliner Charité, berichtet vom erfolgreichen Einsatz der Eichlerschen Fußprothese bei einem seiner Patienten und lobt die Konstruktion ausdrücklich.
Neben ihrer Tätigkeit als Erfinderin veröffentlichte sie Bücher und errichtete eine Manufaktur, in der sie die Prothesen fertigen ließ. Eichler firmierte als „Verfertigerin künstlicher Füße und Hände“ in Berlin. Eichler bewarb ihre Beinprothese in einer eigens herausgegebenen Schrift, worin sie nicht ohne Stolz verkündete, dass ihre Konstruktion bereits mit Erfolg eingesetzt worden sei.
Als wirtschaftlich unabhängige Unternehmerin und Erfinderin entsprach sie nicht dem gängigen Frauenbild jener Zeit in Europa. Es wird in einem Werk über Erfinderinnen behauptet, dass sie in zeitgenössischen Schriften als „Blaustrumpf“ bezeichnet wurde, was der Ausdruck für Frauen war, die öffentlich emanzipiert auftraten.
Nach dem Erfolg der Bein-Prothese entwickelte sie eine künstliche Hand und erhielt dafür am 24. November 1836 ein weiteres preußisches Patent. Dies war die erste brauchbare Eigenkraftprothese der oberen Extremität.
Beispiel für männliche Gewalt gegen Frauen
Vielleicht ist Margarethe Caroline Eichler vom Deutschen Patent- und Markenamt aber auch deshalb nicht in die Liste der Patenten Frauen aufgenommen worden, weil ihr Leben – oder besser gesagt ihr leider allzu früher Tod – ein mehr als unrühmliches Beispiel männlicher Gewalt gegen Frauen ist. Mit ihrer Ermordung wurde ihr die Gelegenheit genommen, weitere Erfindungen zu machen und vielleicht eine Anzahl an Patenten zu erreichen, die es hätten Wert erscheinen lassen, ihren Namen in die Erfindergalerie oder zumindest in die Liste der Patenten Frauen aufzunehmen.
Margarethe Caroline Eichler heiratete am 30. Oktober 1837 und ließ sich nach kurzer Zeit wieder scheiden. Am 6. September 1843 wurde sie von ihrem geschiedenen Mann in ihrer Wohnung mit einer zugespitzten Feile ermordet.
In einem Kriminalbericht sei festgestellt worden, dass Eichler nach ihrer Scheidung immer wieder von ihrem Mann um Geld erpresst worden war, und bei einem diesbezüglichen Treffen sei es zum Streit gekommen, der mit ihrer Ermordung endete. Sie wurde nur 35 Jahre alt.
Wie ihre Ermordung kriminalistisch untersucht wurde, zu welchen gerichtlichen Urteilen das führte und was mit ihren Patenten nach ihrem Tod passierte, ist vermutlich nicht mehr nachzuvollziehen. Ich werde aber in dieser Sache aktiv bleiben und versuchen mehr Informationen zu finden.