{"type":"rich","html":"<div style=\"width: 640; height: 426; font-family: sans-serif,arial,freesans;\" ><div id=\"shared_container_992959182\" class=\"shared_container\"><div id=\"shared_header_992959182\" class=\"shared_header\"><a href=\"https:\/\/hub.netzgemeinde.eu\/channel\/jabgoe2089\"><img src=\"https:\/\/hub.netzgemeinde.eu\/photo\/profile\/s\/44\" alt=\"Alexander Goeres \ud808\udc2f\" height=\"32\" width=\"32\" loading=\"lazy\" \/><\/a><span><a href=\"https:\/\/hub.netzgemeinde.eu\/channel\/jabgoe2089\">Alexander Goeres \ud808\udc2f<\/a>  wrote the following  <a href=\"https:\/\/hub.netzgemeinde.eu\/articles\/jabgoe2089\/geschichtedervoelkerwanderung\">Artikel <\/a><span class=\"autotime\" title=\"2021-10-03T03:02:29+02:00\">Sun, 03 Oct 2021 03:02:29 +0200<\/span><\/span><\/div><div id=\"reshared-content-992959182\" class=\"reshared-content\"><strong>Mischa Meier, Geschichte der V\u00f6lkerwanderung<\/strong><br \/>Das Werk ist unglaublich umfangreich. Mehr als tausend Text-Seiten verwendet Meier um die geschichtlichen Ereignisse der Zeit zwischen dem dritten und dem achten Jahrhundert zu beschreiben, die sich im r\u00f6misch gepr\u00e4gten Raum um das Mittelmeer und den daran angrenzend Regionen ereigneten. Er macht schon in seiner Einleitung klar, dass der Begriff V\u00f6lkerwanderungszeit eine veraltete Bezeichnung ist, die eigentlich nicht mehr benutzt werden sollte. Sie spiegele l\u00e4ngst nicht mehr den aktuellen Stand der Forschung wider. Meier verwendet sie in seinem Buch aber weiter, weil der Begriff sich schon so lange etabliert hat, setzt ihn aber \u00f6fter in Anf\u00fchrungszeichen. Es gibt offensichtlich keine griffige Ersatz-Bezeichnung f\u00fcr diese Periode der Sp\u00e4tantike.<br \/><br \/>Meine fr\u00fchere Vorstellung der V\u00f6lkerwanderungszeit war sehr gepr\u00e4gt von den Romanen <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ein_Kampf_um_Rom\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Felix Dahns<\/a>, in denen friedliche R\u00f6mer Opfer germanischer Horden werden oder heroische Germanen dekadent verweichlichte R\u00f6mer \u00fcberfallen. Eine Sichtweise des 19. Jahrhunderts auf diese Periode, die allerdings auch heutzutage noch die am weitesten verbreitete sein d\u00fcrfte. Und eine Ansicht, die der Korrektur bedarf, denn was im 19. Jhd. (und auch oft heute) f\u00fcr &quot;Volk&quot; gehalten wird, hat mit den Bev\u00f6lkerungsgruppen der Sp\u00e4tantike nichts gemein.<br \/><br \/>Ein gro\u00dfer Teil des Buches besch\u00e4ftigt sich mit der Entstehung der V\u00f6lker, die da gewandert sind. Diese V\u00f6lker sind nicht naturgegeben, keine rassisch oder v\u00f6lkisch einheitlichen Gruppen im Sinne z.B. der AfD, sondern ihre Entstehung ist immer abh\u00e4ngig von den \u00e4u\u00dferen Gegebenheiten. D.h., ihre Zusammensetzung ist sehr flexibel. So sind z.B. die Goten nicht in die Gegend des heutigen Rum\u00e4nien eingewandert und von dort aus dann in das Westr\u00f6mische Reich eingefallen. Sondern ihre Entstehung, die Ethnogenese fand statt, als die R\u00f6mer in Ost und West zu verschiedenen Zeiten die Bev\u00f6lkerung in Thrakien, als Bollwerk gegen weitere Invasoren aufbauen wollten und dazu aus genau dieser Bev\u00f6lkerung Verst\u00e4rkung f\u00fcr ihre Armeen anwarben.<br \/><br \/>Ohne r\u00f6mischen Interventionen, so eine der Thesen des Buches, w\u00e4re es nie zur Ethnogenese solcher &quot;V\u00f6lker&quot; jenseits der r\u00f6mischen Grenzen wie z.B. der Goten gekommen. Es war eine lange verfolgte r\u00f6mische Politik, die Gruppen jenseits ihrer Grenzen als Puffer aufzubauen, gegen jenseitigere Feinde und gleichzeitig, niemanden zu gro\u00df werden zu lassen. Beides hat nicht gut funktioniert, weil es auf Dauer zu Herrschaftsbildungen jenseits der Grenzen f\u00fchrte. Die dann das r\u00f6mische Gebiet als Ziel von Raubz\u00fcgen auw\u00e4hlten.<br \/><br \/>Die R\u00f6mer haben immer wieder Gruppen von au\u00dferhalb ihrer direkten Grenzen als Soldaten angeworben. Entweder zur Verst\u00e4rkung ihrer Truppen, aber auch als Bestechung oder gar einer Art Tributzahlung, die nat\u00fcrlich innerhalb der r\u00f6mischen Sph\u00e4re nicht so bezeichnet werden durfte. Sie haben Fl\u00fcchtlingen Land innerhalb der r\u00f6mischen Grenzen zugewiesen oder auch Invasoren als Tribut, wenn sie mussten (wobei die Unterschiede nicht immer eindeutig waren). Diese Zuweisung bedeutete f\u00fcr die Nicht-R\u00f6mer aber immer eine Einordnung ihrer Gruppen in die r\u00f6mischen Strukturen. Die F\u00fchrer und K\u00f6nige der Fremden wurden meistens mit r\u00f6mischen Titeln und \u00c4mtern bestochen und eingehegt. Teilweise wurden sie aber auch entprechend ihrer \u00c4mter eingebunden in die r\u00f6mischen Institutionen. Beliebt war da z.B. eine Variante des Titel Magister Militum. Einige der Barbaren lie\u00dfen sich allerdings nicht einbinden, darunter die Hunnen und sp\u00e4ter die Vandalen.<br \/><br \/>Meier zeigt die Entwicklung des west- und des ost-r\u00f6mischen Raumes \u00fcber die Jahrhunderte auf, ihre gemeinsamen Bedingungen aber auch ihre Unterschiede. So wurde Ostrom zwar auch von zahlreichen Usurpatoren ersch\u00fcttert, konnte aber die Idee des Reiches ins religi\u00f6se transformieren. Der Ostr\u00f6mische Kaiser war von Gott gesandt. In Westrom gelang das den Kaisern nicht. Dort f\u00fchrten die Usurpatoren und Gegenkaiser zu jahrzehntelangen B\u00fcrgerkriegen, die am Ende keine zentrale Institution \u00fcbrig lie\u00dfen. In diesen B\u00fcrgerkriegen wurden gerne und oft Barbaren von au\u00dferhalb der Grenzen als S\u00f6ldner eingesetzt.<br \/><br \/>Die klassische r\u00f6mische Stadt-Kultur und die Kultur der Villae Rusticae l\u00f6ste sich in Westrom langsam auf, die herk\u00f6mmlichen sozialen Strukturen zerfielen. In Ostrom f\u00fchrte die religi\u00f6se Transformation im Verlauf der Zeit zu v\u00f6llig neuen Strukturen, aus dem ostr\u00f6mischen Reich wurde irgendwann Byzanz. Byzanz schaffte es sich gegen die \u00e4u\u00dferen Feinde zu behaupten, unter anderem, weil es nicht so lange Grenzen hatte. Die balkanischen Kontaktgebiete waren minimal und im Osten gab es haupts\u00e4chlich die Perser. Mit den Persern hatte Konstantinopel wohl eine Art Vertrag ausgehandelt, damit niemand \u00fcber den Kaukasus in Richtung Ostrom vorsto\u00dfen konnte, obwohl es \u00fcber die Jahrhunderte einen Dauerkonflikt zwischen Persien und Ostrom gab, der erst mit der Eroberung der Perser durch die Moslems endete.<br \/><br \/>Barbaren wurden bei Ansiedelung meist in die r\u00f6mische Gesellschaft integriert. Das funktionierte in den fr\u00fchen Phasen recht gut, weil die r\u00f6mische Gesellschaft keine einheitliche Gruppe war. Es gab keine Ethnie &quot;die R\u00f6mer&quot;, die die Weite des r\u00f6mischen Reiches besiedelt h\u00e4tte. &quot;Die R\u00f6mer&quot; waren selbst unterschiedlicher Herkunft. Ein aremorikanischer R\u00f6mer war ethnisch nicht gleich mit einem R\u00f6mer aus dem heutigen Tunesien oder Ionien oder gar der Toskana. R\u00f6mer zu sein war eine Frage des Rechtes. Insofern passten Barbaren von au\u00dferhalb da sehr gut hinein, solange sie sich den rechtlichen Stukturen unterwarfen. Und r\u00f6misch senatorische Familien hatten enorm weitl\u00e4ufige Verbindungen. Sie haben zudem gerne wichtige Personen aufgenommen, wie z.B. Vandalenk\u00f6nige und gotische und suebische Gener\u00e4le. Gegen Ende der hier beschriebenen Periode gab es dann nichts mehr, worin Neuank\u00f6mmlinge integriert werden konnten.<br \/><br \/>Die Ethnogenese au\u00dferhalb und innerhalb des r\u00f6mischen Reiches wird an zahlreichen Beispielen behandelt. Die Entstehung der verschiedenen Gruppen der Goten, Entstehung der Hunnen und ihre Besonderheiten, sp\u00e4ter die Herausbildung der Vandalen und auch der Franken wird beschrieben. Deren Abh\u00e4ngigkeit vom r\u00f6mischen Einfluss wird erl\u00e4utert und auch wie sich z.B. die Sp\u00e4tank\u00f6mmlinge der Langobarden von den fr\u00fcheren Ethnien unterscheiden. Als n\u00e4mlich die Langobarden auf die westr\u00f6mische B\u00fchne treten, gibt es kein Westrom mehr. Die Strukturen sind lange zerst\u00f6rt, die St\u00e4dte sehen v\u00f6llig anders aus (kleiner, ohne Foren, daf\u00fcr zentrale Kirchen, Italien entv\u00f6lkert), die \u00fcberregionalen Kontakte sind verschwunden. In der Folge entwickelt sich kein zentrales, starkes langobardisches K\u00f6nigtum, sondern zahlreiche langeobardische Herz\u00f6ge \u00fcbernehmen konkurrierende Herrschaften in ihren jeweiligen italischen Regionen, und legen dabei die Grundlagen f\u00fcr die sp\u00e4teren italienischen Strukturen.<br \/><br \/>Au\u00dferdem beschreibt Maier auch Bereiche des r\u00f6mischen Reiches, die sonst nicht im Fokus heutiger Betrachtungen liegen. So gibt er der Entwicklung in Nordafrika weiten Raum: die r\u00f6mischen Strukturen, berberische Einfl\u00fcsse, die Vandalen und sp\u00e4ter die islamische Eroberung. Passend dazu kommt die Beschreibung der Entstehung des Islam als Resultat des Ostr\u00f6mischen Einflusses auf die Arabische Halbinsel. Das war f\u00fcr mich wohl die gr\u00f6\u00dfte Neuerkenntnis.<br \/><br \/>So viel zum Inhalt.<br \/><br \/>F\u00fcr Fachstudenten d\u00fcrfte das Buch unverzichtbar sein. Es ist keine Einf\u00fchrung in diese Periode der Sp\u00e4tantike, daf\u00fcr setzt es viel zu viel Wissen voraus. F\u00fcr einen halbgebildeten Laien wie mich war ein historisches Lexikon zwingend notwendig f\u00fcr die Lekt\u00fcre. Das Buch hat aber meinen Horizont \u00fcber diese entscheidende Zeit der europ\u00e4ischen Geschichte extrem erweitert.<br \/><br \/>Meier r\u00e4umt komplett auf mit v\u00f6lkischen Vorstellungen von &quot;Volk&quot;, wie sie z.B. von H\u00f6cke und Co. gerne noch gepflegt werden. V\u00f6lker sind nicht die &quot;nat\u00fcrlichen&quot; Einheiten der Menschheit, sondern fast willk\u00fcrliche Strukturen der Selbstorganisation: ein Volk ist, was ein Volk sein will.<br \/><br \/>Dar\u00fcber hinaus ist das Buch ein echtes Vergn\u00fcgen zu lesen. Meier kann sehr gut erz\u00e4hlen. Als wissenschaftliches Werk strotzt das Buch vor Fu\u00dfnoten, denen es sich immer nachzugehen lohnt (was mit einem EBook sehr viel einfacher ist, als mit einem physischen Buch). Dort findet man Originaltexte \u00fcbersetzter Zitate, Verweise auf wissenschaftliche Diskurse und widerstreitende Meinungen, Quellenangaben und Kommentare des Autors. Au\u00dferdem verf\u00fcgt das Buch \u00fcber ein Literaturverzeichnis, das wohl jedem Interessierten den Zugang zur wissenschaftlichen Literatur jedes Unterkapitels ausf\u00fchrlich er\u00f6ffnen d\u00fcrfte. Fast w\u00fcnschte ich, ich w\u00e4re in Rente und h\u00e4tte Zeit f\u00fcr Universit\u00e4tsbibliotheken und dergleichen.<br \/><br \/>Und v\u00f6llig unabh\u00e4ngig von dem Inhalt des Buches ist mir w\u00e4hrend der Lekt\u00fcre, w\u00e4hrend ich den Fu\u00dfnoten nachgegangen bin und mir die Literaturhinweise angesehen habe, aufgegangen, was f\u00fcr ein wissenschaftliches Werk das Buch ist. So machen echte Wissenschaftler Forschung.<br \/><br \/>Dumme Penner wie Guttenberg oder Scheuer oder dergleichen, die sich keine M\u00fche geben und sobald ertappt, ihr Komplettversagen, ihre intellektuelle Minderwertigkeit mit irgendwelchen b\u00f6swilligen Nachstellungsbehauptungen wegzuerkl\u00e4ren versuchten, die sollten sich dieses Buch zwangsweise ansehen: So wird wissenschaftliche Literatur gemacht!<br \/><br \/>Eine absolute Lese-Empfehlung f\u00fcr historisch Interessierte.<br \/><br \/>-----<br \/><a href=\"https:\/\/hub.netzgemeinde.eu\/articles\/jabgoe2089\" target=\"_blank\" rel=\"nofollow noopener\">Zu den Artikeln<\/a><\/div><\/div><br \/><\/div>","width":640,"height":426}